Was ist Gospel?

Wenn wir an die Begriffe Gospels und Spirituals denken, dann hat sicherlich jeder von uns als erstes ein Bild von sehr lebendigen und mitreissenden, aber auch gefühlvollen und zu Herzen gehenden religiösen amerikanischen Liedern, von Chören oder Solisten vorgetragen, vor Augen bzw. im Ohr. Kaum ein Kirchen- oder Schulchor, der heute nicht mindestens einen Gospelsong im Programm hat.

Viele Rock-, Pop- oder Hip Hop Hits aus dem Radio und MTV borgen sich Elemente aus der Gospelmusik aus oder sind gar moderne Interpretationen lange bekannter Gospelsongs (z.B. "Caravan of Love" von den Housemartins). Kinofilme wie "Sister Act" oder "Preacher's Wife" tragen sehr zur Popularität der Gospelmusik bei.

Leute treffen sich sogar ganze Wochenenden lang, um zu proben und zu üben, nehmen strapaziöse Reisen auf sich und schlafen vielleicht sogar in Schlafsäcken auf Luftmatratzen. Alles aus Liebe zu Liedern, deren Worte man oftmals gar nicht gleich beim ersten Mal versteht. Da muss noch etwas anderes sein, das unsere Gefühle so stark anspricht.

Um Gospels und Spirituals zu verstehen, möglichst authentisch singen zu können und mit dem richtigen "Feeling" rüber­zubringen, müssen wir unsere Herzen und unsere Seelen ganz weit aufmachen und bereit sein für die Nachricht, die in Ihnen steckt.

Aber wie sollen wir hinter den Sinn von Zeilen wie "I wanna be ready to walk in Jerusalem just like John..." kommen? Da ist erst einmal die Sprachbarriere. Zum Glück lernt ja heute jeder englisch in der Schule und mit einem Wörterbuch bewaffnet kommt man mit etwas Geduld hinter die Geheimnisse so manchen Verses. Aber um zu begreifen, worum es in diesen Songs geht, warum Gospels und Spirituals so sind und so klingen, kommen wir um einen kleinen Ausflug in die Geschichte dieser ame­rikanischen Kunstform nicht herum.

Herkunft und Bedeutung der Spirituals

Spirituals sind die Songs der schwarzen Sklaven in Amerika. Getrennt von ihren Familien, tausende Kilometer entfernt von zu Hause fanden sich diese Sklaven nach langen und gefährlichen Schiffsreisen, die nur ein Teil der Gefangenen überlebte, in einem fremden Land wieder. Dies durchlitten seit 1619 mehrere Millionen Männer, Frauen und Kinder aus verschiedenen Ge­genden Westafrikas, von verschiedenen Stämmen und Familien.

Unter fremden Menschen, die die Sklaven auf ihren Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen tagein tagaus in drückender Hitze und winterlicher Kälte nur für Essen und ärmliche Unterkunft arbeiten liessen, gab es für die Schwarzen nur wenig Gelegenheit, Ruhe zu finden und sich an seine Herkunft, seine Traditionen und Religionen zu erinnern.

Nur wenig davon konnte an die folgenden Generationen weitergegeben werden. Einen gemeinsamen Halt und Hoffnung fanden die schwarzen Sklaven ironischerweise gerade in der Religion der weissen Unterdrücker. Der Christliche Glaube mit der Guten Nachricht vom Gott der Liebe und des Vergebens, obwohl nur selten von den Weissen vorgelebt, bildete die Basis für die Art der Musik, die noch heute so vielen Menschen Kraft gibt.

Vor allem Begebenheiten aus dem Alten Testament dienten als Grundlage für unzählige Spirituals, von denen einige Hundert bis heute überliefert sind. Besonders das Schicksal des Volkes Israel in der Sklaverei in Aegypten bot viele Parallelen zur Situation der Sklaven in Amerika, was sich in einer Vielzahl von Spirituals widerspiegelt:

  • "Go down, Moses"
    Geh, Moses, tief im Ägyptenland, sag dem Pharao, lass mein Volk
    in Freiheit ziehen.

  • "Wade in the Water"
    Durchwatet das Wasser, der Herr teilt für Euch die Wasser.

  • "Deep River Jordan"
    Tiefer Fluss Jordan, auf der anderen Seite des Wassers ist meine
    Heimat, wo alle in Freiheit leben.
Das Verlangen nach Freiheit und die Kritik am System der Sklaverei wurden meist nur versteckt zwischen den Zeilen geäussert. Die Suche nach Freiheit hier auf Erden fand ihren musikalischen Ausdruck in dem häufig vorkommenden Motiv der ewigen Erlösung im Himmelreich. Von der Gewissheit und der Freude auf Erlösung künden folgende Zeilen aus traditionellen Spirituals:

  • "I want to be ready to walk in Jerusalem just like John"
    Ich will bereit sein, nach Jerusalem zu ziehen, wie Johannes (gemeint
    ist das himmlische Jerusalem, von dem der Apostel Johannes im Buch
    der Offenbahrung berichtet).

  • "I’m gonna walk them golden stairs when i die, ...‘cause i know
    my Jesus answers all my prayers."

    Ich werde die goldenen Stufen gehen wenn ich sterbe, denn ich weiß,
    Jesus beantwortet alle meine Gebete.

  • "Steal away, steal away home to Jesus, i ain’t got long to
    stay here."

    Ich stehle mich davon, ich stehle mich davon heim zu Jesus; ich hab
    nicht mehr lang hier zu bleiben (hier wird sogar ganz deutlich
    von Flucht gesprochen).
Viele der Gottesdienste mit Gebeten um Erlösung von Ungerechtigkeit und Leid fanden in dieser Zeit fernab von den Ohren der Sklavenhalter statt, als sogenannte Camp Meetings an geheimen Plätzen auf Waldlichtungen oder an Flüssen oder in Sklavenhütten, in denen man dann nur leise predigen, beten und singen konnte und die deshalb Hush Harbors (Stiller Hafen) genannt wurden.

In einigen Spirituals vermutet man auch buchstäblich codierte Nachrichten zur Fluchthilfe. Es gab ein System von Geheim­pfaden und Menschen (schwarze und weisse), die als Fluchthelfer fungierten, die immer wieder Sklaven aus der Gefangenschaft im Süden der amerikanischen Staaten in die Freiheit in den Norden halfen. Dieses System wurde die "Underground Railroad" (Untergrund Eisenbahn) genannt.

Beispiel aus "Ride o­n, King Jesus": "If you want to find your way to God, the Gospel Highway must be trod... Gonna walk all over those streets..." Wenn du deinen Weg zu Gott finden willst, musst du auf der Strasse (der Guten Nachricht) gehen... geh genau diese bestimmten Strassen...

Sind Spirituals amerikanische Volkslieder?

Die Spirituals gelten als die einzigen original in Amerika entstandenen Volkslieder. Wie auch bei unseren mitteleuropäischen Volksliedern ist es nicht möglich, den Komponisten für ein bestimmtes Lied zu benennen. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass Musiker einen Song schufen, ein anderer Sänger den Song hörte und weitertrug, dabei seine eigene Interpretation einbrachte und dadurch die Versionen von Songs entstanden, die wir heute kennen.

Für die Entstehung eines Spirituals wie auch eines jeden anderen Volksliedes gibt es drei Möglichkeiten:

1. durch Improvisation und Variation über einen schon existierenden Song,
2. durch Kombinieren von Material aus verschiedenen alten Songs zu einem neuen Song
3. Komposition eines komplett neuen Liedes.

In der afrikanischen Tradition spielt der erste Weg die grösste Rolle und in der Tat, auch die amerikanischen Spirituals ent­standen und leben besonders durch das Mittel der Improvisation. Die Melodien dienen oft "nur" als Mittel, um einen Text zu transportieren. Sie sind deshalb häufig so stark vom Text abhängig, dass sie von einer Strophe zur anderen sehr variieren können.

Ein weiteres Charakteristikum des Gesangsstils der Spirituals ist der "Call and Response", also Ruf eines Vorsängers und Antwort des Chores oder der Gemeinde, was sich auch aus der afrikanischen Tradition des Singens herleiten lässt.

In Afrika wurden die Geschichte, Kultur und Religion über Jahrhunderte von Mund zu Mund weitergegeben und bewahrt.

Und auf die gleiche Weise erhielten die schwarzen Sklaven Amerikas die Kultur der Spirituals über die Jahrhunderte am Leben. Die Spirituals wurden von Mund zu Mund über viele Generationen weitergegeben. Dabei sind die Songs immer wieder verändert worden, Melodien wurden abgewandelt, neue Strophen kamen hinzu, andere gerieten in Vergessenheit. Damit ist auch erklärbar, warum viele Spirituals Strophen mit anderen gemeinsam haben.

Beispiel:
Der Vers "If you get there before I’ll do, tell all my friends I’m coming too" taucht sowohl in "Swing Low, Sweet Chariot" als auch in "Walk in Jerusalem" auf.


Einen weiteren Einfluss auf die Entstehung von Spirituals hatten die Choräle und Kirchenlieder, die von den (vor allem protestantischen) Christen aus Europa mitgebracht worden. Dabei wurden diese Chörale aber nicht einfach nur in einer Variation wiedergegeben, sondern so stark textlich und melodisch verändert, dass völlig neue Songs entstanden.

Mit dem Ende des Bürgerkrieges um 1870 begann eine neue Zeit. Der Süden der Vereinigten Staaten von Amerika mit seiner auf Landwirtschaft basierenden und von Sklaverei abhängigen Wirtschaft verlor gegen den vor allem durch leistungsfähige Industrie mächtigen Norden, in dem die Sklaverei abgeschafft war.

Etwa 4 Mio. Sklaven wurden offiziell freigelassen und waren nun voller neuer Hoffnung. Aber viel änderte sich nicht für sie. Abgesehen davon, dass sie vor dem Gesetz "frei" waren, blieben die ärmlichen Lebensbedingungen die gleichen. Die Mehrheit der Schwarzen blieb im Süden, wo sie nun für wenig Geld auf den gleichen Plantagen wie schon zuvor arbeiteten, unter den selben Besitzern, die ihre über Jahrhunderte gefestigten Rassenvorurteile weiter offen bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus auslebten.

Ein großer Teil der ehemaligen Sklaven begann, in den Norden auszuwandern und sein Glück in einer der grossen Fabriken in den Städten zu finden. Dort herrschte aber eine grosse Konkurrenz zu weissen Arbeitsuchenden, so dass sich die Beziehungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen alles andere als entspannt darstellten.

Vom Spiritual zum Gospelsong

In dieser Zeit und unter diesen Bedingungen kamen die ersten Gospelsongs auf. Es werden der traditionelle (etwa seit 1870 bis in die 1950er Jahre entstanden) und der zeitgenössische oder "Contemporary" Gospelsong (seit den 1960ern bis heute) unterschieden. Es war die gleiche Zeit, in der der Blues populär wurde. Und so könnte man sie auch als Reaktion auf die gleichen Umstände und Probleme der Menschen verstehen.

Viele musikalische Mittel haben beide Formen auch gemeinsam, die Rhythmisierung, die Phrasierung im Gesang, zum Teil auch die Harmonik. Grundsätzlich nähern sich beide musikalischen Formen den Problemen aber von verschiedenen Seiten, der Blues mit seiner weltlichen, oder säkulären Sicht, der Gospel aus einem christlichen Weltbild heraus. Dabei musste dieser Unterschied keine unüberwindbare Trennungslinie sein. Viele der bekanntesten Gospelmusiker begannen ihre Karriere mit Bluesinter­pretationen und umgekehrt.

Gerade die musikalische Nähe zum Blues machte es der Gospelmusik am Anfang aber auch sehr schwer, in den konservativen Kirchen Einzug zu halten. Sie wurde von hohen kirchlichen Würdenträgern anfangs sogar als "Musik des Teufels" bezeichnet. Schliesslich konnten sich solche Meinungen aber nicht gegenüber der Kraft, die diese Art von Musik auf die Christen ausstrahlte, durchsetzen.

Und so fühlen sich heute unüberschaubar viele Menschen von Gospels angesprochen, nicht nur in afroamerikanischen Kirchengemeinden, auch in vorwiegend von Weissen besuchten Kirchen der USA, ja fast überall auf der Welt. Besonders populär ist die zeitgenössische Gospel Musik zum Beispiel in Skandinavien.

Anders als bei den Spirituals kennt man die Komponisten der Gospels sehr wohl. Einer der bekanntesten Komponisten, und oft als "Vater der Gospel Musik" bezeichnet, war Thomas A. Dorsey (1899-1993). Als Sohn eines Kantors war Dorsey von klein auf von Musik umgeben und begleitete als junger Mann einige der berühmtesten Blues Sänger aller Zeiten, insbesondere Bessie Smith und Ma Reiney.

Auf einem Treffen der National Baptist Convention hörte er zum ersten Mal christliche Kompositionen von Charles A. Tindley (1851-1933), zum Beispiel "We’ll understand it better By and By". Von da an begann er, religiöse Lieder zu schreiben, mit der musikalischen Erfahrung, die er aus seinen Blues Sessions wohl sehr reichlich gesammelt hatte. So entstanden Gospelklassiker wie "There’ll be Peace in the Valley" oder "Take my Hand, Precious Lord", die zum Beispiel als Interpretationen von Elvis Presley weltbekannt wurden.

Während die Spirituals meist unbegleitet, a cappella, erklangen, wurden die Gospelsongs durch Instrumente unterstützt. Anfangs nur mit Klavier und Tambourin, in den 1950er Jahren mit Hammond-Orgel, elektrischen Gitarren und Drums. Schliesslich werden heute aufwendige Gospelproduktionen mit ganzen Orchestern und aufwendiger Computer-Studio-Technik produziert. Eine der erfolgreichsten Interpreten traditioneller Gospelsongs ist die "Queen of Gospel" Mahalia Jackson. Sie war es, die vor Dr. Martin Luther Kings weltberühmter Rede "I have a Dream" seinen Lieblingssong "Take my Hand, Precious Lord" vor Hunderttausenden Zuhörern am 28. August 1963 beim Marsch auf Washington sang.

Seit den Zeiten der Bürgerrechts- und Friedensbewegung in den 1960er Jahren unseres Jahrhunderts erfüllten Gospelsongs immer mehr die Funktion, die Einigkeit und Entschlossenheit der Protestierenden gegen Krieg und Unrecht in der Welt zu artikulieren.

Beispiel:
"We shall Overcome" - Wir werden es eines Tages geschafft haben. Ein Song, der geradezu zur Hymne der Friedensbewegung in den USA und weltweit wurde.


Es war auch die Periode, in der Gospelsongs es erstmals auch in die Hitparaden der Radiostationen schafften. Die Plattenfirmen wurden aufmerksam auf das Geschäft, das mit Gospel Musik zu machen war, und verhalfen dieser durch ihre Werbung zu noch mehr Bekanntheit und Erfolg.

Beispiel:
Von "Oh Happy Day" verkauften die Edwin Hawkins Singers 1969 zwei Millionen Singles. Dies war der erste große Chartdurchbruch für einen Gospelsong.

Bis heute hat die Gospelmusik die Chartmusik beeinflusst. So sind der Gesangsstil von Ray Charles oder Aretha Franklin sehr vom Gospelsound der 1950er geprägt. Sängerinnen wie Whitney Houston oder Mariah Carey veröffentlichen regelmäßig Gospelalben. Aber die Gospelmusik selbst hat immer wieder, vor allem in den letzten Jahrzehnten, Impulse aus der Popmusik bekommen.

So bedienen sich zeitgenössische Gospelproduktionen immer wieder ausgiebig an Hip Hop und R&B Sounds der 1990er. Beispielhaft sind die zur Zeit in den USA sehr populären Musiker, Produzenten und Interpreten Kirk Franklin oder Hezekiah Walker.

Gospel Musik ist eine Form der christlichen Musik, die mit einer reichen und abwechslungsreichen Geschichte durch ihre intensive spirituelle Qualität bis heute eine stetig wachsende Anziehungskraft auf Musiker, Sänger und Zuhörer ausübt.

Quelle: Sebastian Hentsch

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